Helfer fordern Hilfe

Helfer fordern Hilfe

Andreas Albrecht (von links) und Jochem Pieper reden Klartext. Der neue und der alte Gemeindebrandmeister von Ritterhude sehen in der Flut an Verordnungen, die die ehrenamtlichen Helfer betreffen, eine Gefahr für die Zukunft der Freiwilligen Feuerwehr. (Christian Kosak)

Ritterhude. Es war eine andere Zeit, als Jochem Pieper und Andreas Albrecht zur Freiwilligen Feuerwehr stießen. Pieper in Platjenwerbe. Albrecht in Ritterhude. 1978 war das gewesen und die Ausrüstung der Brandschützer noch überschaubar, wie die beiden berichten. Entsprechend gering sei die zusätzliche Wartungsarbeit für die ehrenamtlichen Helfer gewesen. Heute sei das ein „anderer Schnack“. Der Gerätewart der Ortsfeuerwehr Ritterhude, eine Schwerpunktfeuerwehr, käme inzwischen leicht auf zehn Stunden die Woche. Denn alles müsse geprüft und dokumentiert werden, bevor es in den Einsatz gehen könne. Pieper und Albrecht sehen in diesen Verordnungen einen der Gründe, warum es für die freiwilligen Feuerwehren schwierig sei, noch Führungskräfte zu finden.

Zehn Jahre ist Jochem Pieper Gemeindebrandmeister von Ritterhude gewesen. Zum 1. Oktober hat ihn sein langjähriger Stellvertreter Andreas Albrecht in dieser Funktion abgelöst. Der Feuerwehr bleibt Pieper jedoch treu. Mit 63 Jahren ist er aktives Feuerwehrmitglied und bildet den in Gründung befindlichen Gemeindestab des Katastrophenschutzes für Ritterhude aus.

Sein Nachfolger Andreas Albrecht ist 59 Jahre alt. „Eine Amtsperiode dauert sechs Jahre; dann bin ich 65“, bemerkt er. Zu alt für eine zweite, wünschenswerte Amtsperiode, findet er. Daher zögerte er, Gemeindebrandmeister zu werden, führte viele Gespräche. Am Ende hat sein Pflichtgefühl gesiegt. Albrecht verweist auf den Feuerwehrbedarfsplan, an dem die Gemeinde Ritterhude zurzeit sitzt. Darin geht es um die Zukunft der Feuerwehr, darum, wie die Brandschützer ausgestattet sein und welche Aufgaben sie erfüllen müssen. Längst geht es nicht nur um Schutzanzüge, Atemschutzgeräte und Löschfahrzeuge. Die Feuerwehrgerätehäuser selbst sind zu klein geworden für die Fahrzeuge und erfüllen nicht mehr die Sicherheitsanforderungen. Aber müssen alle Ortsfeuerwehren neue Gebäude bekommen? Können Wehren zusammengelegt werden? Auch diese, von Verwaltung und Politik aufgeworfene Fragen müssen geklärt werden. „Da gehört einiges dazu“, sagt Andreas Albrecht: „Ritterhude steuert mit dem Feuerwehrbedarfsplan in schwieriges Fahrwasser.“ Für jemanden, der neu im Amt sei, jemand, der die Leute in Verwaltung und Politik nicht kenne, wäre das „umso schwieriger“. Deshalb mache er, der bisherige stellvertretende Gemeindebrandmeister und langjährige Ortsbrandmeister von Ritterhude, das Amt nun doch.

Jochem Pieper, der 1978 bei der Bundeswehr diente, war durch einen Arbeitskollegen zur Feuerwehr gestoßen. Bei Andreas Albrecht war es gleich der Freundeskreis, der von einer Führungskraft der Feuerwehr angesprochen worden war. „Wir sind mit fünf Leuten eingetreten“, erinnert er sich. Was ihnen dieses Ehrenamt abverlangen würde, davon hatten sie keine Vorstellung. „Im Laufe der Jahre habe ich viel gesehen, was ich nicht vergessen habe“, räumt Albrecht ein. Aber ans Austreten habe er nie gedacht. „Die Frage habe ich mir auch nie gestellt“, so Pieper. 

„Früher stand das Ehrenamt im Vordergrund“, meint Pieper. Inzwischen gebe es so viele Verordnungen, dass er sich oft gefragt habe, ob diese oder jene Aufgabe eigentlich noch zu den Pflichten des Ehrenamtes gehöre – oder vielleicht doch zu denen der Gemeindeverwaltung? Pieper: „70 Prozent meiner Arbeit als Gemeindebrandmeister bestand aus Verwaltung, 30 Prozent war Feuerwehrtätigkeit.“ Albrecht nickt: „Als Gemeindebrandmeister verwalten wir heute die Feuerwehr.“ Und solange sie keine Einwände gegen diese Belastung erheben würden, seien die Verwaltungen froh, dass die Feuerwehren diese Arbeit übernähmen, meinen Albrecht und Pieper. Tatsächlich ist der Brandschutz jedoch Aufgabe der Kommune. Sie hat ihn an die ehrenamtliche Feuerwehr übertragen.

„Das Problem haben alle Feuerwehren im Landkreis“, stellt Albrecht fest. Die sieben Gemeindebrandmeister im Kreisgebiet hätten sich daher auf eine Sprache gegenüber Kommunen und Landkreis verständigt. Sie forderten Entlastung für das Ehrenamt durch hauptamtliche Gerätewarte. Schließlich gehe es um die Zukunft der Feuerwehr. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung stärkt ihnen den Rücken. Sie hat gerade festgelegt, welche Tätigkeiten tatsächlich in die Zuständigkeit der Brandschützer fallen. Viele der Prüfungsaufgaben, wie die der Atemschutzgeräte, nicht. Die seien Sache der Kommune. Und die Entscheidung der Versicherung ist für die Feuerwehren bindend. 

Ein anderes Problem der Feuerwehr führen die beiden auf einen Wandel in der Gesellschaft zurück. „Wenn Sie mit Bürgern sprechen, haben die gar keine Ahnung mehr, wer hinter der Feuerwehr steht“, sagt Albrecht. Meist würden die Leute denken, dass sie hauptberuflich im Einsatz seien, auf der Wache auf die Alarmierung warteten. Denen müssten sie erst mal erklären, dass sie das ehrenamtlich machten, so Pieper. Und war es früher bei einer Bewerbung eher ein Pluspunkt, in der Feuerwehr zu sein, schrecke dies heute mitunter Arbeitgeber ab. Auch wegen des Fachkräftemangels. „Wenn täglich Mitarbeiter wegen Einsätzen vom Arbeitsplatz weglaufen, guckt sich das ein Arbeitgeber nicht lange an“, fürchtet Albrecht. Und weil viele Feuerwehrleute zudem nicht an ihrem Wohnort arbeiten, könnten weniger Helfer alarmiert werden. Albrecht: „Wir haben etwa 50 Aktive in der Ortsfeuerwehr Ritterhude; tagesverfügbar sind davon in den Vormittags- und frühen Nachmittagsstunden aber nur drei bis vier Personen.“ Dazu käme, dass sie wenig Nachwuchskräfte hätten. Von 16 Mitgliedern der Jugendfeuerwehr würden vielleicht zwei zu den Aktiven wechseln.

Es brauche Ideen, um die Zukunft der Freiwilligen Feuerwehr zu sichern. Eine Pflichtfeuerwehr, wie sie für Wangerooge diskutiert wird, gehört für Pieper und Albrecht aber nicht dazu. Denn welche Hilfe wäre von Leuten zu erwarten, die gezwungenermaßen helfen müssten?

Osterholzer Kreisblatt 08.01.2020

Text: Brigitte Lange

Published at Wed, 08 Jan 2020 09:23:34 +0000