Das Zugunglück von Eschede verarbeiten – Peers helfen!

Eschede: Nachsorge – Seelsorge

Vor 20 Jahren kam es bei Eschede zum größten Zugunglück der deutschen Geschichte. Ein trauriger Tag, aber zugleich ein wichtiges Ereignis für die Entwicklung der Einsatznachsorge. Wie die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr nach solch einem schlimmen Ereignis betreut werden, seht ihr in der folgenden Reportage.

Das Zugunglück in Eschede

Es ist kurz vor 11 Uhr am 3. Juni 1998. Ein ICE rast mit 200 km/h auf die Autobrücke von Eschede zu. Ein Radreifen eines Waggons bricht und löst so das schwerste Zugunglück in der deutschen Geschichte aus. Die Brücke wird vom Zug zum Einsturz gebracht und begräbt zwei Waggons unter sich. Alle weiteren Wagen schieben sich wie eine Ziehharmonika auf wenige Meter zusammen. 101 Menschen, darunter 12 Kinder, verlieren ihr Leben. Zwei Bahnarbeiter, die unter der Brücke standen, befinden sich ebenfalls unter den Opfern. Weitere 88 Fahrgäste werden schwer verletzt.

Gerd Bakeberg war damals Kreisbrandmeister und Einsatzleiter. Er erinnert sich an die Tragödie: „Ich war auf meiner Arbeitsstelle in Celle, als der Alarmruf  kam. Die Durchsage war: Zugunglück, Eschede, Rebberlaher Straße. Da konnte man sich natürlich alles Mögliche drunter vorstellen – aber nicht das Szenario, das uns dann erwartet hat“, sagt er.

Gedenken an Eschede; JzF-Video

Belastung verarbeiten – Peers helfen

Wie die Einsatzkräfte mit solchen oder ähnlichen Erlebnissen umgehen, ist sehr individuell und von vielen Faktoren abhängig. Manche Kameradinnen und Kameraden und schaffen es nicht, die Bilder im Kopf zu verarbeiten. Für die Helfenden gibt es dann eine spezielle Einsatznachsorge.

Reinhard Feders gehört zum Einsatznachsorgeteam Hannover Stadt. Er weiß, wie wichtig es ist, in den eigenen Reihen Kameradinnen oder Kameraden zu haben, die man zu sogenannten Peers aus- und fortbilden kann. Als Peers werden ausgebildete Personen in Einsatzorganisationen bezeichnet. Sie helfen Einsatzkräften, psychisch belastende Einsätze und den Stress besser zu bewältigen.

„Die Verschwiegenheit unserer Mitarbeitenden nach außen ist ein hohes Gut und wird in jedem Fall gewahrt. Das heißt: Wer sich an uns wendet, kann sicher sein, dass niemand erfährt, was in diesen Gesprächen passiert ist!“, sichert Reinhard Feders zu.

Die Bundesvereinigung Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen

1996 gründete sich die Bundesvereinigung Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen, kurz SbE. Über 100 Teams von geschulten Fachleuten stehen Einsatzkräften im gesamten deutschsprachigen Raum zur Verfügung. Als erste Organisation für Einsatznachsorge überhaupt entwickelt die SbE eine standardisierte und strukturierte Ausbildung für psychosoziale Fachkräfte wie auch Einsatzkräfte.

Oliver Gengenbach ist SbE-Vorsitzender und Trainer. Er weiß: „Eschede ist ein Meilenstein in der Einsatznachsorge geworden. Vor Eschede mussten wir erklären, dass es ein wichtiges Aufgabengebiet ist; nach Eschede war das eigentlich selbstverständlich. Wir mussten zeigen, wie es möglich ist, Strukturen aufbauen. Das haben wir seit 1998 getan. Eschede war ein wichtiger Anfang“.

Gefühle zulassen, Erlebtes ertragen

Es tat sich etwas in den Köpfen der Führungskräfte und Kameraden. Was vorher vielleicht noch belächelt oder strikt abgelehnt worden war, ist heute kaum noch ein Problem. Und das ist auch wichtig, denn: Gefühle zulassen und darüber reden kann den Einsatzkräften helfen, Erlebtes zu ertragen.

Gerd Bakeberg kann aus Erfahrung sagen: „Ich habe geweint wie ein Schlosshund. Das war auch eine Erlösung, es war eine Befreiung. Das ist keine Feigheit, sondern das ist eine ganz normale Reaktion auf diese abnormalen Erlebnisse, die man erfahren hat oder die abnormalen Bilder, die man gesehen hat.“ Die Nachsorge ist für ihn deshalb wichtiger Bestandteil für Einsatzkräfte bei Feuerwehr, Rettungsdiensten oder anderen Hilfsorganisationen. „Ich kann nur hoffen, dass dieses System weiter ausgebaut wird; dass es genügend Leute gibt, die sich diesem System widmen, die sich schulen lassen, um anderen zu helfen. Und aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Es ist gut, diese Hilfe anzunehmen und man sollte keine Scheu davor haben“.

Schulung zum Peer.

Bist du Mitglied in einer Wehr und interessierst dich für die Ausbildung zum Peer?

Hier findest Du Informationen. Die weiteren Absprachen solltest Du unbedingt mit Deinem Ortsbrandmeister treffen.